Holzschindelherstellung

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Bereits seit der Antike werden Holzschindeln als Baumaterial eingesetzt. Auch in der modernen Architektur spielt die Verarbeitung von Holzschindeln eine wichtige Rolle. Der Trend nach regionalen, nachhaltigen Baustoffen hat zu einem Boom im Holzbau und zu einer Renaissance der Holzschindeln geführt. Holzschindeln sind somit zu einer modernen und nachhaltigen Alternative zu anderen Dachdeckungen geworden. Als natürlicher Baustoff verbinden sie Funktion und Ästhetik gleichermaßen und wurden somit von Architekten wiederentdeckt. Holzschindeln werden in der Dacheindeckung, Fassadenverkleidung und im Innenausbau eingesetzt. Als natürliche Ressource sind sie baubiologisch einwandfrei und vereinen Tradition und Qualität. Die biologische Dacheindeckung ist wärmedämmend, atmungsaktiv, witterungsbeständig. Sowohl bei der manuellen Herstellung von Schindeln aus regionalen Hölzern, als auch in deren Deckung können wir noch sehr viel von älteren Generationen lernen.

Ökonomie[Bearbeiten]

Die Herstellung von Holzschindeln ist in Österreich ein freies Gewerbe, wohingegen die Verlegung der Holzschindeln ein gebundenes Gewerbe darstellt und somit ein Befähigungsnachweis erbracht werden muss. 2018 waren in Österreich 39 gewerbliche Holzschindeldecker als Mitglieder bei der österreichischen Wirtschaftskammer gelistet. 13 davon sind in Tirol tätig und 26 in Vorarlberg. In den restlichen sieben Bundesländern gibt es keine gewerblichen Holzschindeldecker. In Slowenien gab es 2018 vier hauptgewerbliche und drei nebengewerbliche Stroh- und Schindeldachdecker. Die Verlegung von Holzschindeln unterliegt in Slowenien der Gewerbeordnung (Dachdeckerei- und Zimmerei). Die Herstellung ist jedoch ein freies Gewerbe. Diese Zahlen belegen den Mangel an Fachkräften und die Notwendigkeit nach zusätzlichen Ausbildungsangeboten. Durch den vorhandenen Fachkräftemangel geht nicht nur wirtschaftliches Potential verloren, sondern auch wertvolles Know-how. Die Absolvierung der Ausbildung zum Holzschindelmacher/-dachdecker kann Dachdeckern und Zimmerern zu wertvollen Zusatzqualifikationen verhelfen. Durch die erworbenen Fähigkeiten ist es AbsolventInnen der Ausbildung möglich, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Durch den vermehrten Einsatz von Holzschindeln zur Bedachung können lokale Wertschöpfungsketten verstärkt und regionale Arbeitsplätze geschaffen werden.

Anzahl der Berufszweigmitglieder in Österreich[Bearbeiten]

Jahresstatistik 2018[Bearbeiten]

Sparte: Gewerbe und Handwerk Fachgruppe: 103 -BI Dachdecker, Glaser und Spengler


Spartenbezeichnung B K S St T V W Ö
0100-Dachdecker 54 84 254 205 113 152 65 43 98 1068
0105-Schilfdecker 4 0 0 0 0 0 0 0 0 4
0110-Holzschindeldecker 0 0 0 0 0 0 13 26 0 39
0115-sonstige Berechtigungen im Bereich Dachdecker 0 0 3 1 0 1 0 0 2 7

Stand 31.12.2018

Quelle: Wirtschaftskammer Österreich

Anzahl der Berufszweigmitglieder in Slowenien[Bearbeiten]

Jahresstatistik 2018[Bearbeiten]

Stroh- und Schindeldachdecker

Hauptgewerbe 4
Ergänzendes Gewerbe 3

Stand 31.10.2018

Quelle: Obrtno-podjetniška zbornica Slovenije

Gesellschaft und Kultur[Bearbeiten]

Holzschindeldächer und Holzschindelfassaden sind als Kultur- und Naturerbe anzusehen. Die Weitergabe des traditionellen Handwerkswissens ist für die Erhaltung von kultureller Infrastruktur essentiell. Auch für die Sicherung und Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit von Kulturlandschaften ist der Einsatz von Holzschindeln hoch relevant. Bis ins 19. Jahrhundert deckten die Menschen ihre Dächer fast ausschließlich mit Holzschindeln und prägten damit lange Zeit das Landschaftsbild. Heute findet man Holzschindeln vorwiegend auf den Dächern historischer Gebäude wie zum Beispiel Kapellen, Kirchen, Klöstern, Schlössern und Burgen. Auch in traditionellen Objekten der freien Kulturlandschaft wie zum Beispiel Bauernhäusern, Almgebäuden und Ställen, Scheunen und anderen landschaftsprägenden Gebäuden sind Holzschindel ein ästhetischer Baustoff. Für die Erhaltung und Erneuerung von traditionellen Gebäuden hat das Handwerk des Schindelmachens einen hohen Stellenwert. Durch den Wissenstransfer des alten Handwerks können traditionelle Landschaftsbilder und Kulturgut erhalten werden.

Ökologie und Umwelt[Bearbeiten]

Holzschindeln sind zu einer modernen und nachhaltigen Alternative zu anderen Dachdeckungen geworden. Als natürliche Ressource sind sie baubiologisch einwandfrei und vereinen Tradition und Qualität. Die biologische Dacheindeckung ist wärmedämmend, atmungsaktiv, witterungsbeständig. Schindeln können aus lokalen, natürlichen Hölzern gefertigt werden. Als Rohstoff eignen sich sowohl Nadelhölzer wie Fichte, Kiefer, Lärche und Tanne als auch Laubhölzer wie Buche, Eiche, Erle und Esche. Durch die Verwendung lokaler Ressourcen können lange Transportwege vermieden werden. Bei der Produktion der Holzschindeln entsteht kein gefährlicher Abfall. Das Restholz kann weiterverarbeitet werden bzw. ist biologisch abbaubar. Bei der Herstellung und Verarbeitung von Holzschindeln kann auf Holzschutzmittel, Lacke oder Farben gänzlich verzichtet werden. Die Verwendung von Chemikalien ist daher nicht erforderlich. Dachschindeln können nach ihrer Nutzungsdauer thermisch verwertet werden bzw. sind biologisch abbaubar.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Dach eines Hauses erfüllt eine wesentliche Schutzfunktion und war seit jeher in hohem Maße von den klimatischen Gegebenheiten und dem vorhandenen Baumaterial abhängig. So wurde in Getreideanbaugebieten zunächst mit Stroh gedeckt. Mit der Entwicklung von maschinellen Dreschmöglichkeiten, bei denen das Stroh gequetscht und beschädigt wird, war es zur Dachdeckung nicht mehr geeignet und das Holz wurde Nachfolger. „Geklobenes Holz in Form von Schindeln oder geklobenen Brettern ist die ältere und dauerhaftere Form des Holzdaches.“ (Pöttler 1985 S. 232.) In waldreichen Gegenden war Holz seit jeher der Baustoff, der durch leichte Bearbeitbarkeit auch mit einfachen Geräten verwendet werden konnte. Mit der kontinuierlichen Verbesserung der Konstruktionsteile hat auch die Holzbedachung immer weitere Ausbreitung und Qualität entwickelt. Bereits in der Antike wurden Holzschindeln verwendet. In den Hafenstädten Konrinth und Athen wurde außer mit fertigen Konstruktionsteilen wie Balken, Dielen und Dachhölzern auch mit Schindeln gehandelt (vgl. Carstensen 1992, S. 12). Plinius erwähnt die Schindel bei der Beschreibung einer Dachdeckung und auch in der Bibelübersetzung des Wulfila findet sich ein Beleg eines Schindeldaches (vgl. Phleps 1942, S. 95). Am Limes erlernten die Germanen die römische Bauweise, man fand Schindeln aus Eichenholz und auch römische Werkzeuge. Das Schindelmesser zum Spalten des Holzes sieht beispielsweise heute noch sehr ähnlich aus (vgl. Carstensen 1992, S. 14f).

Herstellung und Materialien[Bearbeiten]

Bei der Auswahl des Holzes zur Herstellung von Schindeln sind die Spaltbarkeit und Haltbarkeit wesentliche Kriterien. Fichte, Kiefer, Lärche und Tanne stehen neben Buche, Eiche, Erle und Esche zur Verfügung. Die Nadelbaumhölzer lassen sich leichter spalten. Die beste Qualität liefert hier die Lärche (Haltbarkeit 70 – 80 Jahre). Bei den Laubbaumhölzern ist die Eiche mit der längsten Haltbarkeit (bis zu 100 Jahre) zu nennen. Das tatsächlich verwendete Holz hängt aber vom regionalen Vorkommen ab. Damit die Schindel möglichst widerstandsfähig gegen Witterungseinflüsse wird, muss sie möglichst wasserabweisend sein, dafür sollen die Fasern unverletzt ihre Gestalt behalten. Das erreicht man durch das Spalten. Sägt man Schindeln, werden die Fasern zerstört und wirken wasseranziehend. Um die Haltbarkeit weiter zu fördern, wurden sie manchmal auch geräuchert (vgl. Phleps 1942, S. 95.). Auch der Rauch des Herdfeuers machte früher das Holz wesentlich haltbarer und auch feuerfester. Dieser Vorgang wurde durch das Fehlen der Schornsteine selbstständig hervorgerufen. Der Rauch musste durch die Fugen und Ritzen der Dachdeckung abziehen und brachte dadurch die Unterseite der Schindeln dauernd mit ihm in Berührung (vgl. Carstensen 1992, S. 13). Die wesentlichen Werkzeuge zur Herstellung der Schindeln sind Hacke, Schindelmesser, Holzschlägel und Reifmesser. Heute gibt es bereits mechanische Spaltgeräte, die Arbeitserleichterung bieten. Ausgangspunkt der Herstellung ist aber der richtige Baum, aus dem die Schindeln zu fertigen sind. Die Bauern finden diese durch ihre Erfahrungswerte. So gibt es zum Beispiel einen Unterschied zwischen Lärche und Schindellärche. Spaltmethoden sind regional etwas unterschiedlich, es gibt das Spalten nach dem Scheit (radial) oder das Spalten nach dem Span (tangential). Nur durch diese Methoden ist es möglich, den Stamm ohne Verletzung der Zellwände zu teilen (vgl. Ast 1981, S.14ff). Man unterscheidet folgende Schindelarten: Bretter, Span, Schiefer und Schar.

EUREVITA Ausbildungsinhalte[Bearbeiten]

Ausbildungstitel: Holzschindelmacher und Holzschindeldecker

Dauer und Zeitraum: 240 Einheiten, Beginn voraussichtlich Juni 2020

Ort: Österreichisches Freilichtmuseum Stübing

Empfohlene Vorkenntnisse: Keine

Anmeldung und weiterführende Informationen: www.eurevita.eu | eurevita@bfi-burgenland.at

Abschluss: Zertifikat des Berufsförderungsinstitut Burgenlands zum/zur HolzschindelmacherIn und HolzschindeldeckerIn

Der Beruf des Holzschindelmachers und Holzschindeldeckers umfasst sowohl die manuelle Herstellung von Holzschindeln als auch das richtige Verlegen der Schindeln. Die Dacheindeckung mit Holzschindeln ist sehr komplex. Verschiedene Deckungsarten werden in dieser Ausbildung behandelt. Die Holzschindeln als Ausgangsmaterial werden dabei aus regionalen Hölzern von Hand gefertigt. Die Wahl der Materialien und der richtige Umgang mit dem Handwerkzeug sind dabei essentiell. Holzschindelmacher und Dachdecker sind sowohl bei der Deckung von Neubauten als auch bei der Restauration historischer Gebäude tätig. Das wertvolle Wissen unserer Vorfahren zu erhalten und weiterzugeben, steht dabei im Zentrum der Ausbildung. Es wird ausschließlich auf regionale Rohstoffe aus der Natur zurückgegriffen.

Folgende Inhalte werden behandelt:

  1. Vorteile und Verwendung von Holzschindeln
  2. Rohstoffkunde
  3. Umgang mit Arbeitsmitteln und Handwerkzeug
  4. Spalttechnik und Verarbeitung von Holzschindeln
  5. Decktechniken und Dachkonstruktionen
  6. Rechtliche Grundlagen und Gewerbeordnung
  7. Marketing und Vertrieb

Quellen und Literatur[Bearbeiten]

  • Ast, H. (1981): Die Schindelmacher im Land um den Schneeberg. Beiträge zur Kulturgeschichte des niederösterreichischen Viertels unter dem Wiener Wald, 1981. ÖFM E6-745.
  • Carstensen, J. (1992): Schindeldach und Schindelgiebel. Geschichtliche Entwicklung, Herstellung und Verwendung der Holzschindel. ÖFM E6-952.
  • Phleps, H. (1942): Holzbaukunst. Der Blockbau. ÖFM E3-870.
  • Pöttler, V. (1985): Führer durch das Österreichische Freilichtmuseum, 4. erw. Auflage, Stübing.